Osterbotschaft 2011
Der Weg nach Emmaus
„Ich suche Gott, ich bin unterwegs zu ihm“. Mit diesem Thema haben unsere vier Jugendlichen ihre Firmvorbereitung Anfang August 2010 begonnen. Diese Inspiration für die ganze Vorbereitung ist der Emmausgeschichte entnommen. Wie unsere Firmbewerber reizt mich dieser Text aus dem Lukasevangelium (vgl.Luk. 24;13-35) ganz besonders meine Osterbotschaft 2011 zu schreiben.
Ich beginne mit Geschichten aus dem Alltagsleben. Da fahren wir z. B. mit dem Bus, hinter uns sitzt eine Frau und erzählt von den Schwierigkeiten, die sie in ihrer Ehe oder mit ihren Kindern hat. Oder da ärgert sich einer über jemanden oder über etwas in der Kirche und droht deswegen mit dem Kirchenaustritt. Oder wir sitzen beim Arzt im Wartezimmer und da packt einer seine ganze Krankheitsgeschichte aus. Oder wir haben ein gemütliches Lokal gefunden und dann erleben wir, wie einer neben uns seine ganze Lebensgeschichte von sich gibt. Sie kennen aus Ihrer eigenen Erfahrung gewiss noch eine ganze Litanei ähnlicher Beispiele.
Häufig handelt es sich bei diesen Lebensgeschichten um zerbrochene Träume und enttäuschte Hoffnungen: „Ich hab’ mir das Leben zu zweit damals ganz anders und viel schöner vorgestellt.“ - „Seitdem ich zum ersten Mal diese Herzbeschwerden hatte, ging es immer weiter bergab.“ – „Ach, wissen Sie, meine Kinder: erst zieht man sie groß und dann…“
Liebe Gemeinde,
viele Menschen bleiben bei ihren zerbrochenen Träumen stehen und haben nicht mehr die Kraft zum Neuanfang. Enttäuschung und Scheitern haben sie mürbe gemacht. Sie haben nur noch den Wunsch, irgendwie durch den Alltag zu kommen. Die großen Lebensfragen werden ausgespart, Überlegungen zu neuen Lebensperspektiven werden verdrängt. Sich einigermaßen einzurichten, darüber lohnt es sich allein noch zu reden, so meinen sie.
Mit ihren enttäuschten Hoffnungen haben sie dann auch Gott zu Grabe getragen: „Wo war er denn damals, als unser Sohn keinen Halt mehr fand?“ - „Wo war er denn damals, als meine Frau so krank wurde?“ – „Wo war er denn, als wir im Krieg…?“ Wir kennen solche bittere Abrechnungen mit Gott vielleicht sogar bei uns selbst. Da sitzen wir nun – und Gott ist zusammen mit unseren Hoffnungen, die wir einmal hatten, ausgewandert. Das ist gerade der Punkt, an dem unsere Emmausgeschichte beginnt.
Werfen wir einen kurzen Blick in das Lukasevangelium: Kleopas und sein Freund waren offensichtlich auch nach dem Bericht der Frauen über das leere Grab nicht zu bewegen in Jerusalem zu bleiben. Sie hielten wohl nicht viel von der Nachricht der Frauen. Ihnen fehlte, wie es kurz und bündig heißt, der Auferstandene: „…ihn selber aber sahen sie nicht.“ Das ist das Thema der Erzählung.
So verlassen Kleopas und sein Freund Jerusalem und gehen nach dem 10 km entfernten Emmaus, und zwar tief enttäuscht und völlig resigniert. Auf diesem Weg „lecken sie ihre Wunden“, welche die Ereignisse der letzten Tage ihnen geschlagen haben. Sie sind abgestumpft und unzugänglich für die Erläuterungen des Unbekannten, der sich ihnen unterwegs zugesellt hat. Sie haben ihre Hoffnung aufgegeben: „…wir aber hatten gehofft!“. Eindeutige Signale ihrer Enttäuschung und Ratlosigkeit.
Wie wir Firmbegleiter/innen versucht haben, unseren Jugendlichen möglichst viele Botschaften aus dem Lukasevangelium zu vermitteln, so könnte ich auch die Emmausgeschichte als Beispiel für den Weg unsers Glaubens beschreiben. Unser Glaube ist nämlich ein Weg. Und so frage ich mich, sollen wir dann etwas anderes erwarten dürfen, wenn es schon den ersten Zeugen mit ihrem Glauben so erging?
Der Glaube – auch der Glaube an die Auferstehung – ist ein Weg, der wie jede andere Straße ebene, ansteigende, abfallende, tief eingeschnittene Abschnitte und gefährliche Kreuzungen hat, und auf dem man Nebel und Gewittern begegnen kann.
Hier nun möchte ich einige Aspekte der Osterbotschaft herausgreifen:
Erstens, auf diesem Weg, so sagt die Emmausgeschichte, taucht Christus als Begleiter auf, der sich nicht großspurig und besserwisserisch von oben herab präsentiert, sondern als unbekannter Bruder seitwärts hinzukommt. Unsere Augen sind dabei „mit Blindheit geschlagen“, wir blicken nicht durch. Was er uns – als Evangelium – zu sagen hat, prallt an uns weitgehend ab.
Anders gesagt: In unserem Leben gibt es dunkle Stunden, in denen wir die Gegenwart Gottes nicht erkennen. Da kann es schon vorkommen, dass wir Angst haben und zu zweifeln beginnen, ob denn alles wahr ist, was uns Gott geoffenbart hat und die Kirche zu glauben lehrt. Auch in diesen Stunden der Ungewissheit und des Leidens dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Es kommt die Stunde - und sie naht ganz sicher - in der sich uns Gott wieder deutlicher seine liebende Nähe zeigen wird. Er ist bei uns und trägt uns auch in Kreuz und Leid!
Ostern heißt für uns, dass die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Kirche nie aufhören wird. Er bleibt immer bei uns. Dies gilt besonders dann, wenn wir die hl. Kommunion empfangen und in diesem Sinne das Ostermahl mit ihm halten, dann vor allem erfahren wir nämlich seine Gemeinschaft. Wir werden eingegliedert in seinen geheimnisvollen Leib. Sein Leben ist unser Leben. Von daher erhalten wir Hoffnung und Kraft für den Alltag.
Zweitens, das Entscheidende bei den beiden Emmausjüngern war nicht die mangelnde Kenntnis. Sie kannten sich sehr wohl in der Hl. Schrift aus. Darin hatten sie über den Sohn Davids, über den leidenden Gottesknecht und über den verheißenen Messias gelesen. Aber für den entscheidenden Schritt brauchten sie die Hilfe von außen, die Deutung durch den Auferstandenen. Darum bin ich davon überzeugt: Die Auferstehungsbotschaft von anderen zu hören und zu erfahren, ist die Voraussetzung für den österlichen Glauben. Aber sie nur zu kennen, reicht noch nicht für einen Glauben aus, der durch Höhen und Tiefen, durch Enttäuschungen und Resignation hindurch trägt. Solcher Glaube kann nur nach und nach auf dem Weg, den wir gemeinsam gehen, wachsen: indem wir uns austauschen, die eigenen Lebenserfahrungen in Zusammenhang mit der Hl. Schrift bringen und uns gegenseitig das Wort Gottes erschließen. Er kann entstehen im geistlichen Gespräch, in der Begleitung, in der hl. Beichte, ebenso unter Freunden, indem wir uns auf dem Weg gegenseitig stärken. Auf diesem Weg von und nach Jerusalem braucht jeder Gefährten und Freunde: Mitglaubende, Mithoffende, Mitliebende.
Drittens, teilen, für andere leben, den Hunger stillen – das war und ist das Erkennungszeichen Jesu bei seinem Brotbrechen in Emmaus. Wenn jemand Jesus Christus in uns erkennen soll, dann kann das nur unter demselben Zeichen geschehen: an unserer praktischen Nachfolge Jesu. Denn wir sind die einzige Bibel, die unsere Welt noch liest. Und diese wichtige Osterbotschaft gilt nicht nur unseren Firmlingen, sondern uns allen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest 2011.
Ihr Pfarrer
P.Paskalis K. Teli Lolan SVD