Geistliches: "Moment Mal" für den Monat Mai 2012
Unser Blick verändert sich
Erzählt wird von einem Kind, das mit seinem Vater zum ersten Mal in eine Kathedrale gegangen war. Es sah nichts von den vielen Dingen, die die Kathedrale beherbergte, es sah nur die Fenster, in denen das Licht wohnte. In äußerstem Erstaunen rief es aus: "Papa, ich sehe das Licht!" Und man sagt, beim ersten Mal habe es nichts anderes gesehen, nur das Licht.
Als das Kind älter wurde, wusste es, dass die bunten Glasfenster nicht das Licht sind. Es lernte, wie sie gemacht werden: erst die Zeichnung, dann das farbige Glas, dann das Blei. Es wusste auch, dass alle Stücke erst aus Karton vorgeschnitten werden. Und wie alles sorgfältig aneinander angepasst wird. Groß geworden, dachte es nicht mehr, das Licht sehen zu können. Das Fenster war Glas in Blei, mehr nicht.
Doch manchmal konnte das Kind noch etwas von der Farbe genießen. In einem stillen Moment während des Gottesdienstes oder bei einem zufälligen Besuch. Als es noch älter geworden war, gab es wichtigere Dinge zu tun, und es vergaß, dass die Kathedrale solche Fenster hatte. Noch später, als es alt zu werden begann, bekam es Heimweh: nach dem Licht.
Eines Tages ging es wieder in die Kathedrale, die es früher mit seinem Vater besucht hatte. Der war inzwischen längst verstorben. An ihn musste es denken. Das Kind, jetzt alt geworden, nahm sich dafür lange Zeit. Den ganzen Tag war es in der Kathedrale: am frühen Morgen, am Mittag und gegen Abend. Es sah, wie die Fenster aufleuchteten und wieder wegstarben, eins nach dem anderen. Es wusste gut, dass sie nicht selbst das Licht waren, aber es sah das Licht durch die Farben hindurch: das frische des frühen Morgens, das helle des Mittags und das sanfte des Abends. Es wusste: So ist mein Leben. Während ich das Licht vergaß, ist es geblieben, hat sein Werk getan, tagein, tagaus. Nun vollendet es sein Werk: an mir.
Herman-Frans Andriessen
Aus: Wilhelm Bruners / Herman-Frans Andriessen / Waltraud Grießer, Wechselndes Licht oder Das Fenster im Kasten, Düsseldorf: KlensVerlag 2004.